Peer Meter & Christian Gorny




In den Jahren von 1988 bis 1992 schrieb ich meine ersten Comic-Szenarios, die von Christian Gorny umgesetzt wurden. Daneben illustrierte Christian auch einige meiner Kurzgeschichten. Diese Arbeiten erschienen damals verstreut in diversen Magazinen und Zeitschriften.
Im Juni 1990 erschien im Carlsen Verlag der erste Band unserer auf drei Alben angelegten Graphic Novel Haarmann, der bekanntlich Fragment geblieben ist.

                         
                          Peer Meter & Christian Gorny                        Der 1990 erschienene Band Haarmann

Über diese Comic-Veröffentlichungen - besonders über die näheren Umstände der Entstehung von Haarmann (die Graphic Novel liegt seit 2010 in der Umsetzung von Isabel Kreitz vor) - bin ich in den letzten Jahren des Öfteren angesprochen worden. Da Christian in England lebt und sich anscheinend endgültig vom Comic verabschiedet hat, lag es an mir, über die vier Jahre unserer Zusammenarbeit und deren so betrübliches Ende Auskunft zu geben.

Da es letztendlich ein kleines Stück deutscher Comic-Geschichte spiegelt, habe ich mich dazu entschlossen, meine Zusammenarbeit mit Christian auf meiner Homepage zu dokumentieren und bei dieser Gelegenheit
auch einige der Dokumente und Fotos, die sich aus jener Zeit noch in meinem Besitz befinden, zu veröffentlichen.


Pressefoto des Bremer Weser Kurier für Haarmann aus dem Jahre 1990. (c) Jochen Stoss.

Wir lebten damals in Bremen und lernten uns 1987
in dem unlängst erst untergegangenen Bremer Künstler- und Szenecafe Cafe Grün kennen. Ich war Mitherausgeber und Redakteur der Literaturzeitschrift Stint, deren Redaktionssitzungen wir regelmäßig in jenem Cafe Grün abzuhalten pflegten. Als ich Christians Entwürfe zu seinem elf Seiten umfassenden Comic Jonas, der Bahnwärter sah, wollte ich die Geschichte unbedingt in unserer Literaturzeitschrift veröffentlichen, was auch in der nächsterreichbaren Ausgabe (Nr. 3, Mai 1988) geschah.

Als Christian dann erfuhr, dass ich
eng mit der deutschen Comicszene verwurzelt bin, fragte er mich, ob ich ihm nicht ein Szenario für einen umfangreicheren Comic schreiben wolle; er selbst war der Überzeugung, keine Geschichten erzählen zu können. Ich schlug ihm vor, zunächst ein kürzeres Szenario zu schreiben, um zu schauen, wie er damit zurechtkommen würde.

Als ich ihm dann das Szenario zu Ameisen sind da immer in meinem Kopf gab, war er davon so angetan, dass er binnen weniger Tage ein Storyboard erstellte, es
mit mir besprach und darauf innerhalb kürzester Zeit umsetzte. Noch im selben Jahr wurde der kleine, elfseitige Comic im Stint (Nr. 4, November 1988) veröffentlicht und später auch in den Comic-Magazinen Schwermetall (Nr. 115, Juni 1990) und Zebra (Nr. 1, Dezember 1990) abgedruckt.

Unser erster gemeinsamer
Comic:  Ameisen sind da immer in meinem Kopf


Inzwischen war in Frankreich Jonas, der Bahnwärter bei Futuropolis erschienen. Christian erhielt eine Einladung nach Grenoble, zum 1. Europäischen Comic Salon, der vom 16.-19 März 1989 ausgerichtet wurde. Er sollte dort in einer Ausstellung deutscher Comiczeichner vertreten sein, hatte allerdings nichts Unveröffentlichtes anzubieten und da die Zeit drängte, illustrierte er kurzerhand meine gerade erschienene Kurzgeschichte In unserem Stadtwald.

Die fünfseitige Geschichte wurde dann auf dem Salon in Grenoble ausgestellt und erschien im Jahr darauf in der Nr. 21 des Comic-Magazins Strapazin.

Auf die Schnelle aber eben doch brillant von Christian für den Comic Salon in Grenoble umgesetzt: Meine Kurzgeschichte In unserem Stadtwald

Zu jener Zeit - Frühsommer 1989 - arbeitete ich für das Hamburger Schauspielhaus an einem Theaterstück über einen Kindermörder. Im Zuge meiner Recherchen stieß ich dabei auf den Kriminalfall Fritz Haarmann. Und je tiefer ich eintauchte in jene grauenvolle Geschichte aus Hannover, desto deutlicher wurde mir, hier den Stoff für einen umfangreichen Comic gefunden zu haben.

Christian
war mittlerweile von Bremen nach Hamburg gezogen. Wir trafen uns regelmäßig in seiner Wohnung im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel, wenn ich am Schauspielhaus zu tun hatte. Dabei erzählte ich ihm von meiner Idee, den Kriminalfall Fritz Haarmann mit all seinen Facetten für einen Comic zu verarbeiten. Christian war sofort begeistert und wollte sogleich mit der Umsetzung beginnen. Da ich aber am Theater gebunden war, konnte ich frühestens in zwei Monaten mit den Recherchearbeiten und dem Szenario beginnen. Ich bat Christian, vorläufig nichts von unserem Haarmann-Projekt zu erzählen, da ich fürchtete, dadurch Dritte auf den Stoff zu bringen.

* * *

Wenige Wochen später - Anfang Oktober 1989 - rief Christian mich recht aufgeregt an: Der Carlsen Verlag will den Haarmann unbedingt machen!* Er hatte es also nicht unterlassen können, unser Projekt in die Welt hinaus zu posaunen. I
ch war darüber verärgert; zugleich aber auch erfreut über die Carlsen-Offerte.

Als er mir dann erzählte, dass wir den Comic auf mehrere Bände aufteilen müssen, weil Carlsen ihn zum kommenden Erlanger Comic-Salon im Rahmen eines deutschen Comic-Programms herausbringen wolle und wir den ganzen Comic (den ich schon vorher auf mehr als hundert Seiten veranschlagt hatte) natürlich unmöglich binnen eines Vierteljahres liefern können, war ich zunächst sprachlos.

Wie sollte das gehen? Und wäre es wirklich klug, eine derart komplexe Geschichte stückchenweise zu veröffentlichen? Zudem hatte ich außer der Eröffnungsszene noch keine weitere Idee vom Szenario; ja, ich hatte nicht einmal mit den Recherchearbeiten begonnen, konnte mich damit auch frühestens erst im November beschäftigen. Aber die Verlockung, bei Carlsen ein Alben zu haben und dazu in einem deutschen Comic-Programm auf dem Erlanger Comic-Salon vertreten zu sein, war zu groß gewesen, und so sagte ich zu. Schon kurze Zeit später sollte ich es bitter bereuen.

Um den Termin einhalten zu können, musste Christian sofort mit dem Storyboard beginnen und parallel dazu die ersten Seiten zeichnen. Um Stoff dafür zu haben, erklärte ich ihm noch in jenem Telefongespräch die Idee meiner Eröffnungsszene, die in dem abgedämmten Flussbett spielen sollte und die sich über viele Seite in die Länge ziehen lassen würde. Damit hatte er erst einmal vollauf zu tun.

Dann fiel  mir ein, dass wir unbedingt einen Cliffhanger benötigen würden. Ich überlegte mir eine Szene, in der Haarmann einen Jungen abschleppt. Ein guter Cliffhanger. So hatte ich also den Anfang und den Cliffhanger bereits in petto und brauchte den Band
nur noch mit drei, vier Szenen aufzufüllen.

  
 Haarmann Seite 1 mit der Eröffnungsszene               Haarmann Seite 46 mit dem Cliffhanger

Im November 1989 fuhr ich
dann für eine Woche täglich von Bremen nach Hannover, um im dortigen Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv die umfangreichen Haarmann-Akten durchzuarbeiten. Parallel dazu schrieb ich am Szenario und schickte Christian die einzelnen Szenen, sobald sie fertig waren.

Im Februar 1990 war Abgabetermin. Dass wir den Comic tatsächlich termingerecht haben abliefern können, grenzt für mich bis heute an ein Wunder. Und da für Storyboard- und Seitenbesprechungen überhaupt keine Zeit gewesen war, lassen sich im Nachhinein eine ganze Reihe Fehler in den Zeichnungen entdecken; am meisten geärgert habe ich mich über die auf Seite 22 in Haarmanns Fleischtopf schwimmende menschliche Hand.

* * *

Im Juni 1990 fuhren wir mit sehr gemischten Gefühlen nach Erlangen zum Comic-Salon.
Doch zu unserer großen Verwunderung wurde unser Comic-Fragment um den Serien- Mörder aus Hannover von allen Seiten mit Lob und Anerkennung förmlich überschüttet.


Comic-Salon Erlangen 1990: Am Signiertisch         Katalog mit kleinen Originalzeichnungen der
                                                                                           deutschen Carlsen-Zeichner.


Und es zeigte sich im Pressespiegel der nächsten Wochen, dass Haarmann mit Abstand die meisten Besprechungen bekam und unverhofft Zugpferd wurde für das deutsche Programm des Carlsen Verlages.

Aber der unerwartete Erfolg hatte
auf Christian alles andere als eine günstige Auswirkung gehabt. Er legte plötzlich ein Benehmen an den Tag, dessen Details mir selbst mit einem Abstand von mehr als zwanzig Jahren noch zu peinlich sind, um in die Welt geschickt zu werden. Ich beschränke mich daher bei der Schilderung des schrittweisen Untergangs unseres Haarmann-Projekts nur auf das historisch notwendigste.

Das Unglück nahm seinen Anfang mit Christians Umzug nach London noch in jenem Jahr und der überaus ungeschickten Ankündigung des Carlsen Verlages, dass der zweite Teil von Haarmann im Februar 1991 erscheinen würde. Ich war sehr erschrocken, als ich im September 1990 in der Carlsen-Programmvorschau diese Ankündigung las, denn Christian hatte zu jenem Zeitpunkt noch nicht einmal das Szenario für diesen zweiten Teil bei mir abgefordert.

Er schien auch in London ganz
den damals üblichen Anfrage großer US-amerikanischer Comic-Verlage erlegen zu sein, die den britischen Zeichnern traumhafte Honorare boten. Und so ging nicht nur der Rest des Jahres 1990 damit verloren, dass Christian derartigen Anfragen hinterher hechelte, sondern auch noch das ganze folgende Jahr 1991. Eine Fortsetzung von Haarmann schien ihn nur noch peripher zu interessieren.

Mehr als ein Jahr später glaubte er seine USA-Bemühungen von Erfolg gekrönt: Am 14. Januar 1992 rief er mich an und erzählte in allergrößter Ernsthaftigkeit, soeben einen sensationellen Vertrag mit Marvel (Marvel Comics in New York zählt zu den weltweit größten Verlagen für Superhelden-Comics) unterzeichnet zu haben. Er sprach von einer Startauflage von zweihunderttausend Exemplaren und von Unsummen an Geld, die er fortan als Comic-Zeichner verdienen werde. Für einen winzigen Augenblick habe ich es wirklich geglaubt, und auch sein Versprechen, den Haarmann jetzt fertig zu zeichnen. Doch all das sollte binnen kürzester Zeit zerplatzen wie die berühmte Seifenblase.

Neun Tage später - also am 23. Januar - erhielt ich zu meiner großen Überraschung tatsächlich aus London ein Päckchen mit sämtlichen Vorzeichnungen zu Haarmann 2.

Aus dem Konvolut der Vorzeichnungen zu Haarmann 2: Die Szene, in der Elli und Döhrchen nach dem Mord an Friedel zu Haarmann gehen.

Ich vermied es, mir darüber Gedanken zu machen, wie das nun mit seinem Marvel-Vertrag zusammengehen konnte, sondern machte mich sofort daran, aufgrund dieser Vorzeichnungen die Dialoge in die endgültige Fassung zu bringen. Am 10. Februar schickte ich sie nach Hamburg zu Uta Schmid-Burgk ins Carlsen-Lektorat.

Im Carlsen Verlag war man natürlich freudig erregt, dass es endlich mit dem zweiten Band voranging. Das Alben wurde auch sogleich für den kommenden August angekündigt. In der Programmvorschau Nr. 17 vom 1. März 1992 kann man es nachlesen. Doch als Christian
das Honorar für diesen zweiten und auch gleich noch für den dritten Band als Vorschuss forderte, war Carlsen nicht gut beraten gewesen, ihm diese 8.000 DM tatsächlich auszubezahlen, denn - man mag es kaum hinschreiben - Seiten lieferte er dafür keine.

Bemerken muss ich noch, dass Christian erklärte, den zweiten Band in einem zugänglicheren Stil zeichnen zu wollen. Er war der Meinung, sich zwischenzeitlich künstlerisch weiter entwickelt zu haben. Aber nein, das hatte er nicht. Er hatte sich vielmehr in dem Gehetze um US-amerikanische Aufträge für Superheldencomics von seinem so wunderbar lyrischen Stil verabschiedet.
Es war künstlerisch nichts anderes gewesen, als ein Abstieg allererster Klasse. Übrigens beklagte er sich später bitter bei mir, von einem bekannten britischen Comic-Zeichner, dessen Name hier nichts zur Sache tut, geistig bestohlen worden zu sein. Jener Zeichner hatte ihn des Öfteren in seinem Atelier besucht, und Christian war naiv genug gewesen, ihm bei solcher Gelegenheit all seine Entwürfe zu zeigen. Aber das gehört eigentlich gar nicht hierher.

* * *

Im Mai 1992 erfolgte unsere letzte gemeinsame Arbeit. Das Zeit-Magazin stellte damals in loser Folge Comic-Zeichner vor. Und da Christian für dieses Magazin Illustrationen fertigte, sollte auch er mit einem zweiseitigen Comic in jener Reihe aufgenommen werden. Wie gewöhnlich hatte er keine Geschichte und fragte bei mir an.

Unsere letzte gemeinsame Ar- beit: Der zweiseitige Comic Mir fremde Menschen

Nur unter der Bedingung, dass er den Comic in seinem alten Stil zeichnen würde, war ich bereit dazu. Er versprach es mir, und so schickte ich ihm einen meiner ganz kurzen Prosatexte, den er wundervoll genug lyrisch umzusetzen verstand. Der Comic erschien dann im Zeit-Magazin Nr. 32 vom 31. Juli 1992; übrigens ohne Nennung meines Namens als Autor. Erst nach meiner Intervention beim Verlag erschien im folgenden Heft ein entsprechender Hinweis.

* * *

Als auf dem Erlanger Comic-Salon im Juni 1992 nicht nur der erste Haarmann-Band nominiert worden war für einen Max und Moritz-Preis
in der Kategorie Bester deutschsprachiger Comic - übrigens als einziger Titel aus dem zwei Jahre zuvor präsentierten deutschen Programm des Carlsen Verlages - sondern auch Christian selbst in der Kategorie Bester deutschsprachiger Comic-Künstler, begriff er endlich, auf dem besten Wege zu sein, ein außergewöhnliches Comicprojekt rücksichtslos zu verpokern.

In der Begründung der Jury für die Nominierungen von Haarmann heißt es: Im ersten Alben zeigen Meter/Gorny in düster-großflächig gehaltenen Schwarzweiß-Kontrasten, ohne je reißerisch zu wirken, und knappsten Slang-Dialogen, wie man eine unheimliche und verhängnisvolle Atmosphäre erzeugt. Untermauert durch die am Expressionismus (auch des deutschen Films) orientierte Schnitttechnik und Silhouettengrafik, wird der Mensch Fritz Haarmann und sein Milieu vorgestellt. Das Tun der Polizei-Chefetage erscheint kaum minder pervers als Haarmanns Mordlust.

In der Begründung der Jury für die Nominierung Christians heißt es: Der knapp 32jährige und heute in London lebende Christian Gorny gehört zu den wichtigsten Vertretern der neuen deutschen Autorencomic-Generation. Gornys virtuoser Gebrauch von großflächiger, stark stilisierter Schwarzweiß- und Licht- und Schatten-Grafik erhält deutliche Reminiszenzen an den deutschen Expressionismus. Meisterhaft versteht er es damit, Psychologie und Atmosphäre festzuhalten.

Da natürlich der für August angekündigte zweite Band von Haarmann wieder nicht erscheinen würde (womit es sich im Grunde auch schon abzeichnete, dass der Titel für den Carlsen Verlag kaum noch tragbar sein konnte), waren weder Christian noch ich zu jenem Comic-Salon eingeladen worden. Damit war auch bereits vor dem Salon klar, das keiner der beiden Preise an uns gehen würde. Kurz nach dem Ende des Salons rief Christian mich an und erzählte, gesteckt bekommen zu haben, dass er den Preis in der Kategorie Bester deutschsprachiger Comic-Künstler erhalten hätte, wäre der zweite Haarmann-Band fertig gezeichnet und ab August im Buchhandel. Er wirkte hörbar geschockt und versprach wieder einmal, den Band jetzt rasch fertig zu zeichnen.

Aber es war längst zu spät. Und es ist davon auszugehen, dass Christian niemals auch nur eine einzige Seite gezeichnet hat. Einen Schlüssel für sein Verhalten habe ich bis zum heutigen Tage nicht.

* * *

Acht Wochen später, am 11. August 1992, rief er mich an. Er klang ziemlich zerknirscht und erzählte etwas von einem Fax, das er vom Carlsen Verlag erhalten hätte, worin die Kündigung des Vertrages angedroht worden sei. Im übrigen sei er die nächsten Wochen telefonisch nicht zu erreichen, da er seine Telefonrechnung noch nicht bezahlt habe und die Post ihm das Telefon wohl sperren würde. Er ging also vorsorglich auf Tauchstation. Allerdings muss ich anmerken, dass
damals Strom und Telefon bei Christian tatsächlich des Öfteren wegen unbezahlter Rechnungen gesperrt worden waren.

Zwei Wochen später erhielt ich vom Carlsen Verlag
per Einschreiben die Kopie eines Briefes an Christian. In dem Brief heißt es: ...trotz verschiedener Absprachen und mehrmaliger Zusagen Deinerseits, den Band Haarmann 2 fertigzustellen und abzuliefern, liegt uns bis heute nichts vor. Meine schriftliche Aufforderung vom 6. August d.J., das Album gemäß letzter Vereinbarung abzuliefern, ist bis heute unbeantwortet geblieben.
(...) In unserem Fall ist es nun allerdings so, daß sich die Zusammenarbeit durch bewußt falsche Informationen Deinerseits über den Stand der Arbeit sowie mehrfach einseitig von Dir gebrochener Terminabsprache nahezu als unmöglich erweist.
(...) Deshalb setzte ich Dir hiermit eine letzte Nachfrist für die Abgabe des Bandes bis zum 2. Oktober 1992, vorliegend in Hamburg. Nach Ablauf dieses Termins werden wir die Annahme des Manuskripts (in diesem Fall: 44 s/w-Comic-Seiten incl. Cover und Lettering) ablehnen. In diesem Fall müssen wir dann die Rückzahlung der schon geleisteten Vorschüsse für die Bände 2 und 3 sowie die Erstattung sämtlicher Kosten, die bereits für Werbung und andere vorbereitende Maßnahmen angefallen sind, fordern.

Ich war zutiefst erschrocken; allerdings darüber, dass es
Christian vollkommen gleichgültig zu sein schien, dass durch sein unverantwortliches Verhalten plötzlich nicht nur auch ich, sondern auch unser damaliger Agent Paul Derouet in den Fokus einer Haftung gerieten. Wir hatten den Haarmann-Vertrag natürlich mit unterzeichnet und trugen letztendlich Verantwortung für alle sich daraus ergebenen Folgen.

Und da Christian es weiterhin vorzog, in England auf Tauchstation zu bleiben, geschah das
, was man - mit Schopenhauer gesprochen - im dramaturgischen Sinne, einen Knalleffekt nennt: Am 7. Oktober 1992 trat der Carlsen Verlag vom Vertrag zurück und schickte Paul Derouet eine Rechnung über 21.812,20 DM, zahlbar innerhalb von 30 Tagen.

Noch am selben Tag nahm der Carlsen Verlag Haarmann aus dem Programm. Und so endete
eines der vielversprechendsten deutschen Comic-Projekte der damaligen Zeit sang- und klanglos im Ramsch.

                                                                   * * *

Dreizehn Jahre später, im Frühjahr 2006, rief ich Christian in England an. Ich erzählte ihm, dass ich für neue Comic-Projekte auf der Suche nach Zeichnern sei
und bot ihm an, mich auch nach verlegerischen Möglichkeiten für Haarmann umzusehen. Er sagte, dass er durchaus immer noch an der Umsetzung des Szenarios interessiert sei und sich wieder bei mir melden würde. Er hat es bis zum heutigen Tage nicht getan.

Es macht mich auch heute noch sehr betroffen, dass ein
derart außergewöhnliches Talent wie Christian Gorny auf so unbegreiflich törichte Weise für den Comic, und ganz speziell für den deutschen Comic, verloren gegangen ist.

                                                                   * * *

Natürlich hat Paul Derouet damals die 21.812,20 DM dem Carlsen-Verlag nicht bezahlen müssen.

                                                                    * * *

                                                                Nachsatz

Am 19. Oktober 2013 rief Christian mich aus England an. Er hatte meinen kleinen Artikel über unsere Zusammenarbeit auf meiner Homepage gelesen. Sein damaliges Verhalten, das ihm offensichtlich erst durch diesen Artikel so richtig bewußt geworden war, tat ihm unendlich leid. Ich bot ihm an, die Ereignisse auch aus seiner Sicht dargestellt hier auf meiner Homepage zu veröffentlichen.
Christian erzählte noch, dass 1991 sämtliche Originalseiten vom Dachboden seiner Hamburger Wohnung verschwunden waren. Sie sind seitdem verschollen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie gestohlen wurden. Lediglich die Originalseiten von In unserem Stadtwald sind noch vorhanden. Eine der Seiten hängt gerahmt in meinem Arbeitszimmer, die anderen vier Seiten lagern bei einem Verlag. Auch eine Originalseite von Haarmann ist noch greifbar. Er hatte sie damals einem Berliner Händler in Kommission gegeben, wo sie immer noch im Angebot ist.
Christian und ich verabredeten, dass ich mich für unser gemeinsames kleines Comic-Werk nach einem Verlag in Deutschland umschauen werde. Mal sehen, ob es gelingt.                                                                

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*  Sämtliche
Fakten und Zitate dieses Artikels sind meinem Arbeitsjournal für Haarmann der Jahre 1989-92
   entnommen.