Aus meinem Roman Naffzigers Sohn



Von 1989 bis 1994 erschienen in diversen Literaturzeitschriften einige meiner Prosaskizzen. Ein Roman und einige Erzählungen liegen vor, blieben aber bislang unveröffentlicht.

Das erste Kapitel aus meinem bisher unveröffentlichten Roman
Naffzigers Sohn stelle ich hier vor. Bei verlegerischem Interesse kann das Gesamtmanuskript gerne angefordert werden.




                                                       Naffzigers Sohn

                                                                Der Brief

Ein früher Winter war über Nacht mit Schneeregen eingefallen. Eisigkalt schnitt Liebschwager die Luft ins Gesicht. Zwecks Erörterung einiger Fragen war er brieflich von seinem Vermieter Josef Schneider auf achtzehn Uhr fünfzehn in dessen Schuhmacherwerkstatt gebeten. Liebschwager war überrascht und beunruhigt zugleich. Nie hatte es Anlass zu einem Brief gegeben. Die gelegentlichen Kleinigkeiten, die in jedem Mietverhältnis im Laufe der Zeit vorkommen, wurden im Stillen geregelt.
Rasch ging er zwischen einer endlosen Reihe dicht an dicht am Straßenrand geparkter Autos und abwechselnd aus Hecken, Zäunen und kleineren Mauern bestehenden Vorgartenbegrenzungen den Fußweg hinunter, nahm den Weg vorbei am Park, und wie sich an dessen Eingang die mächtige Blutbuche im matten Licht einer Laterne abzuzeichnen begann, huschten Schatten seiner Kindheit vorüber, einer Zeit, wo der Baum an der Auffahrt eines kleinen, längst verschwundenen Bauernhofes stand.
Damals war der Park nichts anderes als eine Sumpf­- und Tümpelwiese, und nur ein schmaler Feldweg an einem Graben entlang, den er viele Jahre als Schulweg hatte nehmen müssen, war die einzige Verbindung zur Hauptstraße gewesen. Er wollte den Weg durch den Park nehmen, ging die paar Schritte bis zum Eingang und sah den schnurgeraden Weg entlang, der den Park in zwei Hälften teilte. Nur in der Mitte, zwischen schemenhaft sich abzeichnenden Kinderspielgeräten, brannte, zu oberst eines hochaufgeschossenen Metallpfahls, eine Laterne, schwach und flackernd, als wolle sie jeden Augenblick verlöschen; das Gebüsch rechts und links aber, wie auch der Weg dahinter, verloren sich in der Dunkelheit. Ein Unbehagen überkam ihn. Und als er zudem bei den Spielgeräten Konturen einer Gestalt auszumachen glaubte, wandte er sich ab und ging den Fußweg außerhalb des Parks weiter.
Wie plötzlich tauchte dann einer der beiden großen, turmartigen Erker des Hauses Schneider auf. Seit seiner Kindheit hatte er das Haus nicht mehr gesehen. Damals hatte er manchmal von seiner Mutter in die Reparatur gegebene Schuhe gegen Vorlage eines kleinen Abholausweises, eigentlich nur ein unscheinbarer Zettel, auf dem handschriftlich der Name vermerkt und eine Nummer eingedruckt war, wieder abzuholen. Unheimlich war ihm Schneiders Frau immer vorgekommen und er erinnerte sich nur zu genau, wie froh er jedesmal war, die Ladentür hinter sich ins Schloss fallen lassen zu können, wieder im Freien zu stehen.
An der Hauswand hing immer noch das alte Emailleschild
Orthopädischer Schuhmachermeister Josef Schneider
, zeigte der schwarze Pfeil, den er als Kind für ein geheimes Zeichen gehalten hatte, symbolisch um die Ecke und nach unten, wo an der Hausseite im kalten Licht einer Neonlampe die alte, offene und durch ein dünnstäbiges Kunstschmiedegeländer gesicherte Steintreppe ins Souterrain hinunterführte. Nichts war verändert. Immer noch dieselben abgetretenen Fliesen, dieselbe hellgrau gestrichene Haltestange links an der Wand. Und zum Garten hin die alte Lampe; ein rautenförmiges, von schwarzem Metall eingefasstes Glasgebilde, das ihm früher immer wie eine überdimensionierte Salmiakpastille vorgekommen war
Im Geschäftsraum brannte kein Licht, die Tür lag im Dunkeln. Er war noch auf der Treppe, als plötzlich Licht auf den Eingang fiel. Schneiders Frau stand da. Obgleich er sie seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte, erkannte er sie sofort wieder. Und immer noch saß inmitten ihres platten Pfannkuchengesichts eine viel zu kleine Nase, die damals wie heute rot glänzte, hingen an ihren Ohrläppchen dieselben alten Ringe, wie er sie aus Piratenfilmen kannte. Und immer noch trug sie einen hellblauen Kittel und einen schwarzen Pullover darunter.
»Kommen Sie doch herein, Herr Liebschwager«, sagte sie und zog ihn beinahe von der Stufe und über die Schwelle ins Geschäft. »Ich schließe nur rasch die Tür ab, damit wir ungestört sind. Mein Mann ist hinten in der Werkstatt. Es wird das Beste sein, wir unterhalten uns dort. Dann kann ich das Licht hier wieder ausschalten. Damit niemand denkt, es ist noch geöffnet.« Und während sie die Tür abschloss, bemerkte Liebschwager zu seiner Beschämung, dass sich seine Schuhabdrücke schmutzig auf dem blankgewischten Fußboden abgezeichnet hatten.
»Kommen Sie da entlang«, sagte sie; peinlich spürte er, wie ihre Hand ihn zwischen seinen Schultern zu dirigieren suchte, hinter den kleinen Verkaufstresen, wo zwei schmale Stufen hinaufführten in einen Flur. »Fallen Sie nicht. Warten Sie, lassen Sie mich vorgehen«. Sie zog ihn am Ärmel zur Seite, und rasch, beinahe hastig und ohne weiter auf ihn achtzugeben oder ein weiteres Wort zu verlieren, stieg sie über die beiden Stufen. Es war ein kurzer Verbindungsflur. Nur ein paar Schritte weiter war eine Holztür, in der in Augenhöhe eine kleine Glasscheibe eingelassen war. Die Frau öffnete die Tür und Lärm einer Maschine, den er zuvor nur als ein feines Summen wahrgenommen hatte, drang in den Flur. Im nächsten Augenblick war die Frau verschwunden.
Liebschwager blieb zunächst an der Tür stehen. Es war die Schuhmacherwerkstatt. Hinten stand ein älterer Mann im grauen Kittel. Sicher war es Schneider. An ihn hatte er keinerlei Erinnerungen. Er hielt einen Schuh an ein kleines, sich schnelldrehendes Rad und ein widerlich aufjaulendes Geräusch ging durch den Raum. Plötzlich stand seine Frau neben ihm, klopfte ihm auf die Schulter und deutete auf Liebschwager. Sofort legte er den Schuh beiseite und schaltete den elektrischen Motor der Maschine aus. »Ja, guten Abend, Herr Liebschwager«, rief er im Gejiepel des langsam auslaufenden Motors und beeilte sich, zwischen Tischen und allerlei sonderbaren Gerätschaften zu ihm zu kommen. »Wie geht es Ihnen denn? Setzen wir uns dort hinüber«, sagte er und zeigte, nachdem er Liebschwager die Hand gereicht hatte, in die Ecke links von der Tür, wo sich eine kleine Sitzgruppe befand, sechs Stühle um einen runden Tisch gestellt, die wohl als Pausenplatz für die Gesellen dienen mochte, denn verschiedenerlei Geschirr und Besteck befand sich wohlgeordnet und mit kleinen Namensschildern versehen in einem offenen Schränkchen, das in Reichweite an der Wand hing.

»Die Sache ist die, Herr Liebschwager«, sagte er gestützt auf die Lehne einer der Stühle, »dass unser Sohn, der Bepi, das Geschäft zum Januar übernehmen wird...«
»Aus dem Geschäft zurückziehen werden wir uns natürlich nicht«, fiel seine Frau ihm ins Wort. In raschen Schritten kam sie, beladen mit einem Stapel leerer, ineinander gesteckter Schuhkartons auf die Sitzgruppe zu und drückte sich an Liebschwager vorbei, wobei sie nicht ohne Erregung in der Stimme sagte: »Wir haben unser Leben lang nur hartes Arbeiten gekannt. Tag und Nacht haben wir gearbeitet, da werden wir nicht von heute auf morgen einfach aufhören.«
Ihr Mann, der bei ihren Worten zustimmend genickt hatte, sagte: »Gleich nach dem Krieg mußten wir fort aus Böhmen mit nichts in der Tasche. Aus den Trümmern hier haben wir die Schuhmacherei aufgebaut. Es war doch alles kaputt. Es gab damals doch gar nichts. Nichts. Aus dem Nichts haben wir alles geschaffen. Es gab doch gar keine Schuhe damals. Schuhe haben wir die ersten Jahre ja kaum repariert. Es gab doch kein Leder für die Sohlen. Tagelang bin ich gelaufen um ein Stück Leder damals, ja damals, ja, ja.« Und er verstummte und sah mit stierem Blick an Liebschwager vorbei.
Liebschwager überlegte, die Jacke abzulegen, aber wahrscheinlich würde er ohne Jacke frieren, denn die Werkstatt schien kaum geheizt. »Sie sind ja so gar nicht aus der Stadt herausgekommen, Herr Liebschwager«, sagte die Frau nach einer Weile, ohne ihn anzusehen. Sie war ganz damit beschäftigt, von den Schuhkartons Karton für Karton in kleine Stücke zu zerreißen und in einen Altpapiersack zu werfen, der in einem Metallgestänge hinter den Stühlen hing. Gerade hatte sie einen besonders widerspenstigen Karton in der Hand, dem, da er sich weder zerreißen noch umknicken lassen wollte, ihre ganze Aufmerksamkeit galt. »Man muss doch auch mal etwas Neues beginnen«, sagte sie mit verkniffenen Lippen.
»Aber setzen sie sich doch, Herr Liebschwager«, sagte ihr Mann und rückte den Stuhl vor, auf dessen Lehne er sich die ganze Zeit gestützt hatte. »Setzen Sie sich.« Liebschwager setzte sich. Auf dem Tisch lag eine braune Mappe aus Leder. Liebschwager hatte die Mappe zuvor gar nicht bemerkt. Schneider, der sich gegenüber gesetzt hatte, zog die Mappe zu sich und begann daran zu fingern.
»Es ist ja so, Herr Liebschwager«, sagte er mit auf die Mappe gerichtetem Blick, »dass der Bepi das Geschäft nach der Übernahme zum Januar modernisieren will.« Dann sah er auf und es sprudelte förmlich aus ihm heraus: »Es ist ja auch wirklich alles viel zu eng geworden mit den Jahren. Sie sehen es ja selbst. Für eine Modernisierung wird es allerhöchste Zeit. Mit der Arbeit kommen wir kaum noch nach. Wenigstens zwei Gesellen müßten neu eingestellt werden. Und überall stößt man gegen. Erst in der letztvergangenen Woche habe ich mir einen zwar kleinen, aber doch ernsten Unfall, in meinem Alter ist jeder Unfall eine ernstzunehmende Angelegenheit, einen Unfall hier in der Werkstatt nur deshalb zugezogen, weil der Gang dort, unlängst erst haben wir dort ein zweites Regal aufstellen müssen«, und er drehte sich auf die Seite und zeigte auf einen schmalen Gang zwischen zwei Regalen, »durch das zweite Regal viel zu eng geworden ist. Schauen Sie, so kann es ja beim besten Willen nicht weitergehen. Nicht mal eine Toilette haben wir hier unten. Wir haben ja immer auch umgebaut zwischendurch, umgebaut und angebaut sogar. Der kleine Verkaufsraum, der Raum vorne, war ja ganz früher, nach dem Krieg, nur ein Kohlenkeller zuerst, dann eine Waschküche, bevor wir ihn zu einem kleinen Verkaufsraum umgebaut haben. In den ersten Jahren haben wir ihn sogar noch als Waschküche mitbenutzt. Das hat sich ja alles verändert in den Jahren hier. Wir mussten ja damals, nach dem Krieg, mit nichts mussten wir anfangen. An Maschinen gab es doch gar nichts, da herrschte hier noch Platz, da haben wir damals ja nur eine kleine Werkbank...«

»Das will doch der Herr Liebschwager jetzt alles gar nicht wissen«, fiel seine Frau ihm wieder ins Wort. Sie war inzwischen an den Tisch getreten und hatte ihm kopfschüttelnd die Mappe aus den Händen genommen. Dann setzte sie sich auf den Stuhl neben ihm. »Über uns im Parterre, Herr Liebschwager«, sagte sie mit gedämpfter Stimme, »befinden sich zwei Wohnungen. In der Wohnung rechts vom Treppenhaus wohnen wir, vielleicht haben Sie vorhin sogar bemerkt, dass eine Treppe vom Flur zwischen Werkstatt und Laden abgeht, sie führt direkt in unsere Wohnung, in der Wohnung daneben wohnt die Frau Ullrich. Sie kennen doch die Frau Ullrich noch?«
Die letzten Worte waren ihr so leise aus dem Mund gekommen, dass Liebschwager sich unwillkürlich ein wenig über den Tisch gebeugt hatte, um alles richtig aufnehmen zu können. Als aber der Name Ullrich fiel, fuhr er zusammen. An die Ullrich hatte er in der Aufregung gar nicht gedacht. Obgleich sie alldonnerstäglich zur Mittagszeit die Sütterlin und die Windelboth zu besuchen pflegte, zwei Witwen, die eine Etage über ihm wohnten, hatte er sie in den letzten Jahren kaum einmal gesehen. Zuweilen hatte sie bei solcher Gelegenheit auch an seiner Wohnungstür geklingelt, doch hatte er es dahin gebracht, ihr die Tür nicht mehr zu öffnen, sodass sie zuletzt von selbst weggeblieben war. Die Ullrich kannte er nur zu gut. Sie war das Schreckgespenst seiner Kindheit, und die bloße Nennung ihres Namens reichte aus, die ganzen Widerwärtigkeiten in unverbrauchter Frische aufsteigen zu lassen, als seien nur ein paar Monate vergangen seit damals. Obgleich fünfzehn Jahre älter als seine Mutter, war sie deren intimste Vertraute mit ständigem Zutritt zur Wohnung. Sie hieß Wilhelmine mit Vornamen, doch hatte er sie Tante Miene zu nennen, wie seine Mutter es auch tat. Wann und wie diese Tante Miene in das Leben seiner Mutter und somit in sein Leben getreten war, wusste er nicht. An eine Zeit ohne Tante Miene konnte er sich nicht erinnern. Tante Miene war zeitlebens unverheiratet geblieben, Männer ekelten sie, wie sie zu erklären niemals müde wurde, und beinahe täglich hatte er ihr Bedauern darüber anzuhören, dass er kein Mädchen wäre. Ihre Autorität war ihm ohne Beispiel, ihre uneingeschränkte Macht über ihn von Jahr zu Jahr unerträglicher. Nach dem frühen Verlust seines Vaters hatte sie sich besonders verpflichtet geglaubt, ihn auf einen guten Weg bringen zu müssen, der nach ihrer unerschütterlichen Meinung nur durch körperliche Züchtigung zu erlangen wäre; einmal hatte sie zu solchem Zweck gar einen Teppichausklopfer mit in die Wohnung gebracht. Jeden Sonntagnachmittag pflegte sie bei Kaffee und Kuchen ein damals schon
altes, mit Regeln zur Kindererziehung vollgespicktes Buch aus ihrer krokodilsledernen Handtasche zu ziehen, las, während er in sein Zimmer geschickt wurde, abschnittweise seiner Mutter daraus vor und vermischte es mit Bemerkungen der schrecklichsten Art, absichtlich so laut und betont, dass er es in seinem Zimmer noch hören konnte. Nie hatte er so gelitten, sich in völliger Ohnmacht so gedemütigt gefühlt, wie in solchen Stunden.
»Wie Sie vielleicht wissen«, fuhr die Schneider mit gedämpfter Stimme fort, »gehörte dieses Haus früher den Eltern der Frau Ullrich. Als der Vater der Frau Ullrich kurz nach dem Krieg starb...« - »Er hat sich ja hier auf dem Dachboden erhängt«, fuhr ihr Mann dazwischen, doch ein Blick seiner Frau scharf wie die Klinge eines Rasiermessers, ließ ihn gleich wieder verstummen. »...verkaufte die Mutter der Frau Ullrich das Haus, mit Ausnahme der Wohnung, in der jetzt die Frau Ullrich wohnt, an uns. Wie Sie vielleicht auch wissen, wohnten die Ullrichs vor dem Krieg in der Wohnung, in der Sie, Herr Liebschwager, jetzt wohnen. Frau Ullrich wurde in Ihrer Wohnung geboren und verlebte dort ihre Kindheit. Sie werden hoffentlich nicht vergessen haben, Herr Liebschwager, dass Ihre Mutter es vor fünfunddreißig Jahren nur der Frau Ullrich zu verdanken hatte, dass sie von uns die Wohnung anmieten konnte. Ohne Frau Ullrichs Bürgschaft hätten wir damals Ihrer Mutter die Wohnung nicht vermietet. Bedenken Sie nur einmal, dass Ihr Vater kurz zuvor verstorben war und Ihre Mutter als Fremde aus einer anderen Stadt hierherkam. Ihre Mutter befand sich damals in einer, ich möchte wohl sagen, verzweifelten Situation. Sie sind also der Frau Ullrich auch heute noch zu besonderem Dank verpflichtet, Herr Liebschwager. Jetzt steht die Sache so, dass wir gemeinsam mit unserem Sohn die Wohnung der Frau Ullrich zu einem modernen orthopädischen Schuhfachgeschäft umbauen wollen, womit wir den kleinen Verkaufsraum hier unten mit zur Werkstatt haben. Frau Ullrich würde die Wohnung auch gerne an uns verkaufen, wenn wir ihr im Gegenzug ihre Geburtswohnung, also die Wohnung, in der Sie, Herr Liebschwager, wohnen, abtreten würden.«
»Wie?«
»Natürlich denkt niemand daran, Sie einfach auf die Straße zu setzen, Herr Liebschwager. Selbstverständlich haben wir eine andere Wohnung für Sie schon vorbereitet. Es ist ja für Sie lediglich nichts weiter als ein kleiner Wohnungswechsel. Übrigens ist Frau Ullrich bereit, wenn Sie bereits zum ersten Dezember ausziehen, nicht nur Ihre Umzugskosten zu übernehmen, sondern auch die Kosten der Wohnungsrenovierung zu tragen, denn selbstverständlich stehen Sie in der Pflicht, eine komplett renovierte Wohnung zu übergeben.«
»Sie glauben, ein Recht zu haben, mir die Wohnung zu kündigen?« sagte Liebschwager zwar mit Ruhe, doch konnte er nur mit äußerster Mühe die Fassung noch wahren. »Das ist meine Wohnung. Ich wohne dort seit über dreißig Jahren. Und ich werde dort nicht ausziehen.«
»Das gibt es doch wohl nicht. Hör doch mal Josef, was er da gesagt hat. Das ist doch nicht Ihre Wohnung, Herr Liebschwager.«
»Er will uns doch wohl jetzt keine Schwierigkeiten machen, nach alldem, was wir damals für seine Mutter getan haben.«
»Sie haben natürlich Recht, Herr Liebschwager. So einfach können wir Ihnen die Wohnung nicht kündigen. Wir sind selbstverständlich an Gesetze gebunden. Und niemand denkt daran, Gesetze zu missachten. Doch wenn wir die Wohnung zum ersten Januar an Frau Ullrich verkauft haben, wovon niemand uns wird abhalten können, wird Frau Ullrich sogleich ihren eigenen Bedarf anmelden und Sie vor die Tür setzen. Notfalls mit einer Räumungsklage. Dann säßen Sie spätestens zum Frühjahr auf der Straße. Aber so etwas, Herr Liebschwager, wollen weder wir, noch will es die Frau Ullrich. Seit dem Tod Ihrer Mutter, wir wollten es Ihnen eigentlich nicht sagen, ist Frau Ullrich schon öfter mit der Bitte an uns herangetreten, die beiden Wohnungen zu tauschen. Nicht nur, weil sie in dem Haus ihre Kindheit verlebt hatte, nicht nur, weil in dem Haus ihre beiden engsten Freundinnen wohnen, sie will, und das hat sie jedesmal unter Tränen nur hervorbringen können, in dem Haus ihrer Geburt auch sterben. Natürlich hätte ein Wohnungstausch auch für uns längst nur Vorteile gebracht: Dort besitzen wir in einem großen Haus nur eine Wohnung, hier besitzen wir ein großes Haus, in dem eine der Wohnungen einer fremden Person gehört. Sie werden zugeben müssen, ein eigentlich unmöglicher Zustand. Und wer weiß, wem nach Frau Ullrichs Tod die Wohnung zufällt, denn ein Vorkaufsrecht haben wir uns damals unvorsichtigerweise nicht einräumen lassen. Wer weiß, ob wir später noch einmal die Möglichkeit haben, die Wohnung in unseren Besitz zu bringen. Wer weiß, wer uns nach Frau Ullrichs Tod ungebeten ins Haus kommt. Doch trotz solcher, auch für uns nur Vorteile bringender Überlegungen, haben wir den Vorschlag der Frau Ullrich jedesmal mit Rücksicht auf ihr langes Mietverhältnis, Herr Liebschwager, schweren Herzens abgewiesen. Doch jetzt sind wir durch den Umbauplan unseres Sohnes zu diesem Schritt gezwungen. Oder wollen Sie unserem Sohn unnötig die Zukunft erschweren? Es wäre wirklich nur eine rasch vorübergehende Blockierung. Verhindern können Sie gar nichts. Und bedenken Sie, wenn Sie jetzt dem Wohnungstausch zustimmen, würden sämtliche Kosten für Renovierung und Umzug von Frau Ullrich getragen. Da kommen schnell einige Tausender zusammen. Und es ist eine wirklich schöne Wohnung, die wir für Sie ausgewählt haben. Wir wollen Ihnen helfen, Herr Liebschwager.«

Unterm Tisch die Beine schmerzhaft ineinander verdreht, starrte Liebschwager auf einige Blatt Papier, die sie während ihres Redens aus der Mappe genommen, auf den Tisch ausgebreitet und durchsortiert hatte. Im Nachklang gingen ihm ihre Worte wie aus unendlicher Ferne zäh und gedehnt durch den Kopf. Dann blickte er auf und sagte mit gespielter Ruhe: »Ich arbeite seit einigen Jahren an einer für meine weitere Zukunft sehr wichtigen Studie. Ein Wohnungswechsel würde meine Weiterarbeit daran entscheidend behindern, vielleicht sogar zerstören.«
»Was denn für eine Studie, Herr Liebschwager? Wir wissen doch, dass Sie seit Jahren nur von privaten Nachhilfestunden leben«, sagte sie, indem sie die durchsortierten Blätter aufnahm und ihm über den Tisch hinreichte. »Es ist bereits alles Vertragliche vorbereitet. Sie brauchen nur noch zu unterschreiben. Die Kündigung der alten Wohnung zum dreißigsten November und der Mietvertrag für Ihre neue Wohnung in der Dammstraße zum ersten Dezember.«