Mottenkiste

Sors de l'enfance, ami, réveille-toi!
Rousseau  La Nouvelle Héloise


Vor vielen Jahre
ist mir der Schlüssel zu meiner Mottenkiste verloren gegangen. Nun ist er wieder aufgetaucht und es besteht ernstlich die Überlegung, die alte Kiste aufzuschließen und ein wenig darin zu stöbern. Ganz hinten in der Ecke des Dachbodens steht sie. Ziehen wir sie zunächst ein wenig ins Licht. Verdammt schwer, die alte Scheißkiste. Und voller Staub der Jahrzehnte. Ganz schmutzig haben wir uns gemacht. Schon bereuen wir im Stillen, uns auf sie eingelassen zu haben. Das Schloss ist arg eingerostet. Aber der Schlüssel passt noch - puhh, schlägt uns ein Muffgeruch entgegen!

Obenauf liegt ein altes Falk Comic-Heft. Eine Ritterserie aus den 60er Jahren. Es muss im Sommer 1965 gewesen sein. Es war meine erste Begegnung mit einem Comic. Ich war damals neun Jahre alt. Sinnigerweise lautet der Titel des Heftes Eine unerwartete Begegnung. 

            Falk (c)
Wäscher/BECKER!-Illustrators

Die Hefte mit dem L links oben hatten mich sofort in ihren Bann gezogen. Ich ahnte dunkel von einer geheimen Verbindung zwischen den Serien Falk, Sigurd und Tibor. Heute ist es ein alter Hut, wenn ich anmerke, dass sie alle aus der Feder von Hansrudi Wäscher stammen.

Damals war übrigens der Begriff Comic unter uns Kindern so gut wie unbekannt. Wir sagten ganz einfach Hefte dazu. Es war fast schon ein Wort aus einer Geheimsprache, denn nur Eingeweihte wussten, dass mit der Frage: Hast Du Hefte? nicht etwa Schulhefte gemeint waren, die mir übrigens mit ihrem abscheulich schwarzen Umschlag immer wie Totenkladden vorgekommen waren. (Das einzig Gute daran war, dass man sich aus dem Umschlag wunderbar eine Zorro-Maske basteln konnte.)

Leider war ich finanziell mehr als schwach auf der Brust. Von der einen Mark Taschengeld in der Woche konnte ich mir bestenfalls ein Heft kaufen. So lernte ich früh, Strategien zu entwickeln, um an weitere Comics zu kommen. Am einfachsten war der Trick, sie sich auszuleihen und nicht wieder zurückzugeben. Und ganz doof tun, wenn sie zurückg
efordert wurden: Mir?! Nee, mir hast du keine Hefte geliehen! Oder Die hab´ ich dir doch längst zurück gegeben!

     1965: Von Tibor´s Dschungelwelt verschlungen                                       Tibor (c) Wäscher/Becker!-Illustrators

Allerdings geriet ich dadurch rasch in Verruf: Bloß dem Pär Medder keine Hefte lein, die kris nich wieder! Einige führten auch genaue Listen, welche Hefte sie verliehen; andere forderten eine Sicherheitsleistung, oder man durfte die Hefte nur bei ihnen im Zimmer lesen und keinesfalls mit nach Hause nehmen. Ganz besonders bitter war es, wenn man nur die Titelbilder ansehen durfte.

Ein elterliches Verbot von Comics habe ich nie kennen lernen müssen. Ganz im Gegenteil: Mein Vater fand es lobenswert, dass ich mir regelmäßig ein Druckwerk kaufte und legte jedesmal die Hälfte des Geldes zum Tibor-Heft dazu.



Ein etwas anderer Brief an den Vater

Aber bald schon verloren für mich die Hefte mit dem L links oben an Bedeutung. Nachdem ich das ganze Universum der 60er Jahre Comics kennen gelernt hatte, traten andere Comics in den Vordergrund. Recht schnell merkte ich, wo die Rosinen zu suchen waren. Ich fand sie zunächst nur verstreut als Fortsetzungsgeschichten in den wöchentlichen Heftserien wie Felix, Fix und Foxi, Lupo modern oder MV-Comix. Erst viel später sollte ich sie unter dem Begriff francobelgischer Comic einordnen können. Es waren Serien wie Ulla und Peter*, Pit und Pikkolo**, Lucky Luke oder Asterix.

Ab 1967 erschienen einige dieser Serien zu meiner großen Freude als abgeschlossene Geschichte in einer Heft-Reihe mit dem merkwürdigen Titel Fix und Foxi Super Tip Top. Leider lag der Preis für ein Heft bei fast nicht zu realisierenden 1,50 DM.

              
          (c) Dargaud                                   (c) Dargaud

Für die seit 1966 den deutschen Comicmarkt überschwemmenden US-amerikanischen
Superheldencomics von Marvel und DC hingegen konnte ich mich - und ich sage leider - nie erwärmen. Auch spätere Versuche einer Annäherung scheiterten bereits im Ansatz. Schade eigentlich. Für das Superhelden-Universum habe ich nie den passenden Schlüssel finden können. Ich hätte mich gerne zu den ersten deutschen Fans dieser Serien gerechnet.

       
       
           (c) DC-Comics                               (c) Marvel-Comics                     (c) Marvel-Comics


Besonders die Hefte aus dem BSV-Verlag - wo die Marvel-Comics erschienen - waren mir ein Gräuel gewesen. Ganz gleich, ob Die Spinne, Tarzan, Dick und Doof oder die vielen Fernsehcomics: Sie alle zeichneten sich aus durch ein schauderhaftes Lettering, durch schlechte Druckqualität und durch ein Papier, das immer irgendwie nach - pardon - Pisse stank: Es war für mich eine lieblos hingeschluderte Comic-Welt.

Aber es gab ja glücklicherweise eine schier unendliche Fülle anderer Comics. Bereits 1965 war das erste Heft einer Serie erschienen, die ich erst zwei Jahre später - dann aber gleich in einem ganzen Stapel - zu Gesicht bekommen sollte. Sie waren mit 1,80 DM für damalige Verhältnisse auch einfach viel zu teuer gewesen, um im Freundeskreis zu zirkulieren: Die tollsten Geschichten von Donald Duck.

Weder davor noch danach ist eine Comic-Serie so treffend betitelt worden. Es waren wahrlich die tollsten Geschichten, die mir jemals untergekommen waren. Und - natürlich - allesamt aus der Feder des genialen Zeichners und Geschichtenerzählers Carl Barks.


Die ersten zehn Hefte jener Serie - ich konnte mein Glück kaum fassen - hatte ich am Sylvesternachmittag des Jahres 1967 gegen drei Packungen China-Böller, vier Knallfrösche und fünf Heuler dem Uwe Pietsch abgetauscht. Es war mein gesamter Bestand an Knaller gewesen.

        
       (c) Walt Disney Production

Aber was für einen Schatz hatte ich dafür bekommen! Und so ging ich hinüber in das Jahr 1968 versunken im wundervollen Enten-Universum des Carl Barks. Übrigens  war ich damals der festen Überzeugung, Walt Disney höchstpersönlich habe all diese Comics gezeichnet. Und voller Sorge erinnerte ich mich daran, dass der gute Mann im Jahr zuvor verstorben war. Wer sollte nun solche schönen Comics zeichnen? Ich war fest überzeugt, dass es derartige Hefte nie wieder geben würde.

(Sei noch angemerkt, dass der Pietsch-Bengel tatsächlich die Frechheit besass, mir am Neujahrsmorgen beim Knallersammeln aufzulauern. Jammernd forderte er seine Hefte zurück und drohte mit seinen Eltern. Ich konnte diesen gefährlichen Angriff auf die Perle meiner Comic-Sammlung geistesgegenwärtig abwehren, indem ich ihm mit todernster Miene und nun selbst im Jammerton erzählte, dass mein Vater die Hefte entdeckt und im Ofen verbrannt hätte. Augenblicklich hatte ich Ruhe vor dem Blödmann.)

Aber längst schon genug! Wir wollen uns nicht in Schönfärberei der 60er Jahre ergehen! Vielmehr
können wir nicht länger unterdrücken, dass jene Jahre auch eine Zeit der Kälte waren, der geistigen Enge und der unerträglichen Schulautorität, vor der wir uns förmlich hinein flüchteten in unsere kleine, bunte Comicwelt. Schließen wir also besser für heute die Mottenkiste mit ihren seltsamen 60er Jahre Ausdünstungen, die bereits beginnen, sich unschön auf unser Gemüt legen zu wollen.


                                                                  * * *


Da sind wir wieder! Frisch und ausgeschlafen geht es an die Mottenkiste und gleich hinein in die wilden 70er Jahre, die unserem kleinen Comic-Universum großartige Bereicherungen bescheren sollten.

Es begann schon 1968 mit den ersten Asterix-Alben, von deren Existenz ich allerdings erst zwei Jahre später erfuhr. Ja, es gab plötzlich Comic-Alben. Aber von wo bitteschön sollte man denn das Geld dafür herzaubern? 2,80 DM für einen Comic?
Das war so gut wie unbezahlbar. Die spinnen, die Verlage.

Wer ein Asterix-Alben besass, schätzte sich glücklich und hütete sich, es aus der Hand zu geben. Durch Ausleihen und nicht wieder zurückgeben also war da nichts einzunehmen.

         
         (c) Dargaud                                            (c) Castermann

Die einzige Möglichkeit, um wenigstens inhaltlich mitreden zu können, boten vorläufig die Kaufhäuser. Bei Karstadt lag
in der Zeitschriftenabteilung immer ein ganzer Stapel Asterix neben den Tim und Struppi Alben. (Eine Comicserie übrigens, die - ich muss es zu meiner Schande gestehen - mich nie wirklich hat begeistern können.) Man konnte also zunächst ungestört im Gewirr des Kaufhausbetriebes ein Asterix-Alben nehmen und darin lesen. Das ging, wenn man Glück hatte, ungefähr zehn Seiten lang gut, dann tauchte wie aus dem Nichts die Hand einer Verkäuferin auf und entriss einem das Alben mit den Worten: Das ist hier keine Lesehalle! - Du blöde Kuh, dachte man und ging zum Weiterlesen rüber zu Hertie.

Um meine Comicsammlung einigermaßen auf dem neuesten Stand halten zu können, musste ein kleiner Nebenjob her, daran führte kein Weg mehr vorbei. Ich entschied mich für das wöchentliche Austragen von Zeitschriften; und da mir auch das Inkasso anvertraut worden war, konnte ich neben meiner Provision immer ein paar Mark Trinkgeld extra einstreichen.

Die hatte ich auch dringend nötig, denn inzwischen war ich unter die Zigarettenraucher gegangen. Schon damals ein recht teures Laster. (Ich rauche übrigens seit dreißig Jahren nicht mehr, träume aber noch regelmäßig davon, mich dem Genuss einer Roth-Händle ohne Filter hingegeben zu haben.) Natürlich drehten wir. Eine Packung Donker kostete 1,65 DM, dazu kamen die Gizeh-Blättchen (die letzten zehn, ich rate Dir ...) nochmal 30 Pfennig. Das reichte für eine Woche.


Aber ich schweife ab.
Mit Geld einigermaßen versorgt, fasste ich den Plan, beim Kauka Verlag die mir fehlenden Pit und Pikkolo und Luky Luke Ausgaben aus der Reihe Fix und Fox Super Tip Top nachzubestellen. Auf den Heftrückseiten waren sie alle abgebildet. Tagelang überlegte ich hin und her, bis die Liste der zu bestellenden Titel stand. Ich schickte den Bestellschein ab, zahlte das Geld ein und wartete und wartete. Als endlich der Postbote klingelt, überbrachte er mir nicht etwa ein Paket mit meinen heißersehnten Comics, sondern eine Summe baren Geldes und ein Brief vom Kauka-Verlag. Die bestellten Hefte waren längst vergriffen gewesen. Ich war unendlich traurig, gebar aber sogleich die Idee, ein Comicantiquariat zu eröffnen. (Was auch zwei Jahre später geschehen sollte.)

Im folgenden Jahr, wir schreiben 1973, entdeckte
ich in Bremen eine Montanus-Filiale; die erste überregionale Buchhandelskette (die später von Thalia übernommen wurde) in Deutschland. Und es gab dort Comics, wie ich sie zuvor noch nie gesehen hatte, z.B.: Comics weltbekannte Zeichenserien! Es waren beinahe schon großformatige Bücher, in denen in außergewöhnlicher Aufmachung US-amerikanische Zeitungsstrips vorgestellt wurden. Die ersten beiden Bände gab es gleich zum Ramschpreis. Das besondere an jenen Büchern aber war ein kleiner redaktioneller Beitrag zu jedem Strip, in dem auch die Zeichner vorgestellt wurden.

        
       (c) Carlsen Verlag

Montanus wurde in jenen Jahren zu meiner Comicbuchhandlung schlechthin. Es gab dort immer etwas besonderes zu entdecken, wie zum Beispiel: Der beste Horror aller Zeiten. Was für eine Comicperle!
 

      
         (c) EC-Comics

Auch hier waren die einzelnen Comics mit redaktionellen Beiträgen versehen, wurden die Zeichner in Wort und Bild vorgestellt. Die ganze fantastische EC-Horror-Comicwelt der 50er Jahre, von der man bis zu jenem Zeitpunkt keinerlei Ahnung gehabt, tat sich vor einem auf.
 Und zum ersten Mal wurde einem schmerzlich bewusst, dass man in Deutschland comicmäßig völlig hinterm Mond lebte.

Aber der Höhepunkt meiner Comicentdeckungen in jenem Jahr stand noch aus. Wieder war es bei Montanus. Und es war ein Comic, der mich förmlich aus den Latschen hauen sollte: Robert Crumbs Herr Natürlich!

       
           (c) Robert Crumb

Dass so etwas im Comic möglich war, konnte ich kaum fassen. Und ich erinnere mich nur zu genau, dass ich wochenlang nichts anderes zu Papier brachte, als kleine Herr Natürlich-Männchen.

Das alles war 1973. Einflechten muss ich noch
eine unerwartete Begegnung der ganz besonderen Art, die ich bereits im Frühjahr jenes Jahres gehabt hatte: In der Bremer Zentralbibliothek entdeckte ich ein Buch, das mein Comicverständnis von Grund auf verändern sollte: Comics - Anatomie eines Massenmediums von Wolfgang J. Fuchs und Reinhold C. Reitberger. Nie wieder habe ich ein Buch in einer solchen Geschwindigkeit verschlungen.

In jenem Frühjahr hatte ich übrigens noch in der Bremer Neustadt ein Ladengeschäft für gebrauchte Romanhefte namens Bücherstube Langemarckstraße entdeckt.
(Heute betreibt dort schräg gegenüber mein alter Freund Lothar Bachmann sein Comic-Cafe.) Als ich am Schaufenster vorbeiging, durchfuhr es mich wie ein Blitz: Stapelweise Sigurd-Großbände, teils in Sammelmappen, füllten beinahe das ganze Schaufenster aus. Augenblicklich hatte eine längst erloschene Glut wieder Feuer gefangen.

Die insgesamt zweihundert Hefte sollten 56,00 (ja, richtig gelesen: 56)
DM kosten. Ein Preis, der heute nur ungläubiges Kopfschütteln hervorruft, damals aber für mich eine ungeheure Summe war. So benötigte ich mehrere Wochen, ehe sich alle Hefte in meinem Besitz befanden.

Aber ich muss gestehen, dass jenes Feuer nicht besonders lange loderte. Ich konnte mit diesen Comics nicht mehr allzu viel anfangen. Eine kleine nostalgische Regung war es, mehr nicht. Und so wurden sie auch gleich zum Anfangsbestand meines frisch gegründeten Comicantiquariats, das allerdings zunächst noch arg darunter litt, keinerlei Kundschaft zu haben. (Was sich übrigens binnen kürzester Zeit und zu meinem allergrößten Erstaunen radikal ändern sollte.)

Ist eigentlich noch jemand da oder hocke ich hier ganz allein vor der Mottenkiste? Wir machen lieber Schluss für heute. Über mein kleines Comicantiquariat und meine ersten Schritte hinein in die deutsche Comicszene beim nächsten Mal - so denn daran Interesse besteht - ein paar ausführliche Worte.


                                                                  * * *


Wie die Zeit vergangen ist! Was da aus der Mottenkiste ans Licht drängt, liegt tatsächlich schon vierzig Jahre zurück!

Rückblickend betrachtet, haben im Jahre 1973 doch allerlei wichtige Comic-Begegnungen stattgefunden. Im Herbst jenes Jahres lernte ich dann noch zufällig einen weiteren Comic-Sammler kennen.

Er hatte im Bremer Weser Kurier ein Inserat geschaltet, worin er Sigurd und Nick-Hefte zu kaufen suchte. Ich war sehr aufgeregt und rief sofort an, fest überzeugt, jeden Augenblick am anderen Ende der Leitung einen männlichen Menschen meines Alters zu sprechen.
Aber eine Frauenstimme meldete sich. Da hole ich mal meinen Mann, sagte sie. Hä? Wen will die holen
? Ihren Mann? Da würde also gleich jemand ans Telefon kommen, der verheiratet ist und Sigurd und Nick-Comics suchte? Wat dat denn?
Ich sollte vielleicht noch einflechten, dass ich soeben 17 geworden war, noch zur Schule ging und - natürlich - bei meinen Eltern wohnte.
Bestimmt irgendein Professor von der Uni, dachte ich und überlegte, rasch aufzulegen. Aber schon meldete er sich und sagte: Stellmann.

Eine halbe Stunde später sass er mit seiner Frau in unserem Wohnzimmer auf dem Sofa. Er war übrigens kein Professor, sondern Student. Zwei Jahre später sollten wir das Comic-Magazin Com-Mix aus der Taufe heben. Aber ich greife vorweg.

Kai Stellmann war nicht nur der allererste Kunde meines Comicantiquariats (er kaufte ein paar Sigurd-Hefte) sondern auch über all die Jahrzehnte bis heute Wegbegleiter in Sachen Comics. Er eröffnete im November 1980 das erste Fachgeschäft für Comics in Bremen, war Mitinitiator des inzwischen legendären Bremer Comic-Treffs und trat auch verlegerisch in Erscheinung.

Aber zurück ins Jahr 1973. Kai gab mir noch den Tipp, dass es in Bremen-Gröpelingen eine Hökerbude namens Geffes Bücherbörse gab, wo neben gebrauchten Romanheften auch alte Comics zu haben seien. Da bin ich natürlich am folgenden Montag gleich nach der Schule mit der Straßenbahn hin und kam zurück mit drei prallgefüllten Plastiktragetaschen voller Tibor-Großbände, eingekauft zum Stückpreis von dreißig Pfennige.


(c) Gröpelinger Geschichtswerkstatt

Ich machte es mir fortan zur Pflicht, jeden Montag nach der Schule (die ich dadurch eine Stunde eher verlassen musste) die Bremer Romanheft-Hökerbuden nach alten Comics abzugrasen. Die größten Fänge machte ich jedesmal bei Otto Geffe.
Woche für Woche wechselte immer ein guter Stapel Comics von dessen Lager hinüber in mein Lager, nur mit dem Unterschied, dass sie mein Lager zu einem ganz erheblich anderen Preis verließen, als ich sie eben noch aus Geffe´s Bude abgeschleppt hatte.

Inzwischen gab ich Angebotslisten heraus. Meine Kundschaft hatte ich zunächst durch Inserate in den Briefmarkenzeitungen gewinnen können: Ankauf, Verkauf, Tausch von Romanheften und Comics jeder Art. Liste gratis. Meine Liste ging weg wie warme Semmel.

      

Und das tollste war, dass ich gar nicht so schnell alte Comics ran schaffen konnte, wie Bestellungen eingingen. Dem alten Geffe wurde ich zum besten Kunden; stets nannte er mich: Mein junger Freund. Allerdings nur bis zu jenem Zeitpunkt, als ihm irgendein Idiot den frisch erschienen ersten deutschen Comic Preiskatalog zuspielte. Ja, von da an war ich leider nicht mehr sein junger Freund.

Eine wahre Goldgrube für alte Comics waren natürlich auch die Flohmärkte gewesen. Was man dort in den frühen 70er Jahren hatte abschleppen können, glaubt einem heute kein Mensch; es ist daher sinnlos, ins Detail gehen zu wollen. Die Flohmärkte waren damals auch noch nicht so verwässert. Sie fanden nur zweimal im Jahr statt: im Mai und im September. Die gesamte Bremer Innenstadt war dann ein einziger großer Flohmarkt. Ein herrliches Chaos! Nur wurden Comics kaufende Menschen meines Alters (inzwischen näherte ich mich mit Riesenschritten der 20) recht argwöhnisch beäugt. Als ich mich einmal zu einem Jungen runter bückte und ihm zwei Mark gab für einen ganzen Stapel Robinson-Hefte, bemerkte ich hinter mir zwei Polizisten. Als ich zu ihnen aufsah, fragte der Junge einen der beiden: Wollen Sie auch Comics kaufen? Verächtlich auf mich blickend antwortete der von oben herab: Wir haben andere Lektüre!

Übrigens habe ich zu erwähnen vergessen, das ich zwischenzeitlich Abonnent geworden war! DEUTSCHES MAD. Ja, was war denn das für eine abgefahrene Comic-Reihe? Da durfte ja keinesfalls auch nur ein einziges Heft versäumt werden!


       
 
        (c) DC Comics

Und da sie Neuabonnenten Werbeaufkleber versprachen (Ich bin verrückt, ich lese MAD) hab ich`s gleich abonniert. Meine Mutter, absoluter Alfred E. Neumann Fan, wollte sich sogar an den Kosten beteiligen. Allerdings -  und ich getraue mich fast nicht, es hinzuschreiben - kam zwar jeden Monat in einem hellbraunen Umschlag treu und brav das neueste Heft, jedoch nie eine Rechnung. Das ging mehr als ein Jahr so fort; bis zu jenem Tag, als Herr Feuerstein es gemerkt habe musste, denn plötzlich kam kein Heft mehr. Ich hörte übrigens nie wieder von dem Laden und hielt es für klüger, auch meinerseits zu schweigen. Fortan kaufte ich mir jeden Monat das neueste MAD-Heft bei Montanus.

1975 kündigte der Wiener Pollischansky-Verlag die Herausgabe sämtlicher Flash Gordon Folgen von Alex Raymond an; eine legendäre US-amerikanische Science-Fiction Comic-Serie aus den 30er/40er Jahren. Als ich davon erfuhr, machte ich mich sofort auf den Weg zu Montanus. Leider ohne Erfolg. Ich ging rüber zum Bremer Hauptbahnhof, um dort in der Zeitschriftenhandlung mein Glück zu versuchen. E
ine ziemlich dicke Frau mit Bernsteinkette um den Hals sass wie eine fette Pock an der Kasse. Ich schaute zunächst im Regal für Comics, fand aber nichts. Endlich traute ich mich, die Dicke anzusprechen. Haben Sie Flash Gordon? fragte ich. Sie sah mich für einige Sekunden
mit großen Augen völlig entgeistert an. Dann sagte sie, und zwar so laut, dass man es wahrscheinlich auch in der angrenzenden Bahnhofshalle noch gehört hat: Was?! `Ne Flasche Korn?!

Im selben Jahr lernte ich durch Kai zwei weitere Bremer Comicfreaks (ja, ich muss Freaks sagen, denn was waren wir anderes als Freaks; das Wort Fan bringt es längst schon nicht mehr auf den Punkt) kennen: Peter Hahn und Harald Kadagries. Der eine war nebenher Händler (wir sagten damals natürlich Dealer, es klang einfach interessanter) für US-amerikanische und französische Comics, der andere versuchte sich als Comic- Zeichner; übrigens recht vielversprechend.

Da Kai schon länger den Wunsch hegte, ein Comic-Magazin herausgeben zu wollen, trafen wir vier uns, um einmal auszuloten, welche Möglichkeiten bestanden. Peter Hahn und ich suchten zunächst nur nach einer Möglichkeit, unsere Comics anzubieten und Harald Kadagries wollte seine Comics anstatt in der Schublade lieber veröffentlicht sehen.

Im Frühjahr 1976 erblickte dann die Nullnummer von Com-Mix das Licht der Welt. Das Heft hatte einen Umfang von 20 Seiten und war im Format DIN A5. In einer Auflage von 300 Exemplaren verschickten wir es kostenlos an uns bekannte Comic-Interessierte.

       
          (c) Kai Stellmann/Harald Kadagries

In den folgenden Jahren stieg die Auflage kontinuierlich und erreichte 1979 stolze 900 Exemplare. Neben Verkaufsanzeigen von Sammlern und Comic-Händlern enthielt jedes Heft auch Fachartikel, Check-Listen, Rezensionen, Leserbriefe und natürlich Arbeiten der ersten deutschen Comic-Zeichnergeneration, die aus der Fan-Szene hervor gegangen war.

1976 war
endgültige der Startschuss gefallen für den Beginn einer äußerst lebendigen deutschen Comicszene. Zum seit 1974 von Andreas C. Knigge, René Lehner und Thilo Rex herausgegeben Comicmagazin Comixene gesellten sich in jenem Jahr eine ganze Reihe von Publikationen; genannt seien: Com-Mix aus Bremen, Die Sprechblase von Norbert Hethke und Der Hamburger Donaldist von Hans von Storch. Sie gaben der aufblühenden deutschen Comicsszene ein zuvor nie gekanntes Forum. In jenem Jahr erschien auch der erste deutsche Comic-Preiskatalog bei Abi Melzer und sorgte für große Aufregung unter den Sammlern.

               

           (c) Norbert Hethke                         (c) Hans von Storch                        (c) Abi Melzer

Beflügelt durch diese Entwicklung, wünschte ich mein kleines Comic-Versandantiquariat in größeren Dimensionen zu sehen. Ich nannte mich fortan Wi-Wo-Versand Bremen (die Anfangsbuchstaben des
Straßenamens meines Elternhauses (Wilhelm-Wolters)) und erfand auch gleich noch zwei Versandmitarbeiter dazu: Norbert Muntau (der Name eines ehemaligen Mitschülers) und Moritz Kranzi; unmöglich konnte ich es länger dulden, dass mein Versandgeschäft nur aus einer Person bestand.

Durch meine regelmäßigen Comic-Angebote in Com-Mix erreichte ich schlagartig beinahe die gesamte deutsche Sammlerszene. Fast täglich flatterten mir Suchlisten ins Haus, in denen 50er Jahre Comics aufgelistet waren, von deren Existenz ich bis dahin noch nie gehört hatte: Jezab, Fulgor, Raka, Carnera und so weiter. Und ein Schüler
aus Köln namens Benedikt Taschen rief wenigstens einmal pro Woche an und fragte nach alten Micky Maus Heften mit Donald-Geschichten von Carl Barks.

Ganz allmählich nahmen auch die Medien Notiz von einer sich immer stärker ausbreitenden deutschen Comicszene. Hans von Storch, der mit seinem Hamburger Donaldist durch Deutschlands Zeitungsredaktionen und Rundfunkanstalten tingelte, hatte es sogar bis in die Radio Bremen Talkshow 3nach9 gebracht. Und Kai Stellmann und ich wurden von Radio Bremen zu einem einstündigen Rundfunkgespräch über Comics eingeladen.

Dennoch blieb es schwierig, in Deutschland ein Comic-Enthusiast zu sein. Ich erinnere mich mit Grausen daran, wie ich einmal anhand von Beispielen aus frühen Micky Maus Heften versuchte, Besuch meiner Eltern Carl Barks näher bringen zu wollen. Anfangs kommentierten sie meine Ausführungen noch mit einem so und einem ja und einem tatsächlich. Als ich dann aber über die Länge von Donalds Schnabel zu philosophieren begann, konnte ich plötzlich aus ihrem Gesichtsausdruck ihre Gedanken ablesen: O mein Gott, sie haben einen schwachsinnigen Sohn. Ich habe seitdem nie wieder versucht, einem Außenstehenden die Genialität eines Carl Barks zu erklären.

Und wie sah es ab Mitte der
70er Jahren in Deutschland mit Comic-Neuerscheinungen aus? Sehr, sehr dünn. Man hatte es sich längst zur traurigen Gewohnheit werden lassen, seine Comics im Ausland zu bestellen. Zeichner wie Moebius, Bilal oder Pratt (um wahllos nur einige zu nennen) brachten gerade völlig neuartige Bilderwelten zu Papier, aber in Deutschland blieb so etwas unbekannt. Es bestand auch keinerlei Aussicht, dass es sich in naher Zukunft ändern würde. Neidvoll blickte man auch auf die Niederlande: Ein traumhaftes Barks-Donald-Alben nach dem anderen erschien dort in schönster Aufmachung, während der deutsche Ehapa-Verlag sich darin gefiel, den Namen Carl Barks nicht einmal zur Kenntnis nehmen zu wollen. Es war zum heulen.

Was liegt denn da noch in der Mottenkiste? Ein alter Zeitungsausschnitt? Wo kommt der denn her?



Oben links steht handschriftlich: Bremer Morgenpost 25.1.77. Hatte damals die Morgenpost über mich berichtet? Ich kann mich gar nicht mehr erinnern. Und was für einen Quatsch die geschrieben haben. Jetzt aber schnell die Mottenkiste zu - ihr Inhalt nimmt Züge an, die mich peinlich zu berühren beginnen!


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   * "Ulla und Peter" war die eingedeutschte Serie "Suske und Wiske" von Willi Vandersteen
 ** "Pit und Pikkolo" war die eingedeutschte Serie "Spirou und Fantasio" von Andre Franquin